Einspänner

Der Einspänner ist ein Schwarzer mit Schlag

„Ich hätte gern einen Kaffee”, hatte der Fremde gesagt, laut und vernehmlich, die Betonung auf dem a. Es war wie ein Schuss, die Menschen im Kaffeehaus blickten auf und der Kellner sah ihn an, als hätte er ein Motorrad mit Mayonnaise bestellt. Der Gast spürte, dass es an ihm war, seine Wünsche zu präzisieren. Vor ihm lag eine Karte in Plastikfolie, auf der Fledermäuse zum Verzehr und Mönche als Getränk angeboten wurden. Der Fremde zögerte.

„Ich hätte gern einen Kapuziner, falls das ein Cappuccino ist.” Der Kellner hatte seinen guten Tag: “Ein Kapuziner, bittschön, das ist ein Schwarzer mit Obers in kleiner Schale, oder wünschen der Herr mit Doppelschlag?”

Der Fremde zögerte: “Ich weiß nicht?”

“Vielleicht einen Franziskaner, mit Schokostreusel?”

“Nein, ich möchte einen einfachen Cappuccino.”

“Bitte schön: eine Melange mit Schlagobers, der Herr.”

“Mir ist egal, ob Sie den Cappuccino Melange nennen, aber Schlagobers. Ist das Sahne? Ich hätte gern Milchschaum.”

“Eine Wiener Melange, der Herr.”

Der Fremde nickte mit dem Kopf. Es dauerte nicht lange, da kam der Ober mit einem Cappuccino zurück, den er stilgerecht auf silbernem Blechtableau mit einem Glas Wasser servierte. Über dem Glas lag der Kaffeelöffel. “Bittschön, eine Wiener Melange.“ „Sie sind sicher fremd hier?” fragte ein Herr am Nebentisch. Er mochte Ende zwanzig sein, tackerte leise etwas in seinen Laptop und sah aus wie ein Kaffeehausliterat der Postmoderne.

Der Fremde lächelte verlegen. Er hatte sich über Wiener Kaffeehäuser informiert, diesen “Wartesaal der Poesie”, einen der vielen Begriffe, die er sich zusammengelesen hatte. Er wusste, dass die Wiener ins Kaffeehaus gehen, weil sie da erstens nicht zu Hause sind und zweitens nicht an der frischen Luft. Aber niemand hatte ihn aufgeklärt, wie man in einem Wiener Kaffeehaus einen Mönch bestellt.

Was denn nun der Unterschied zwischen einem Kapuziner und einem Franziskaner sei, wollte der Fremde wissen.

„Sie kommen nicht aus einer katholischen Gegend?”

“Nein, eigentlich aus Hamburg.”

„Dann können Sie es nicht wissen. Die Kutte der Franziskaner ist heller. Der Kapuziner ist ein schwarzer Kaffee, mit etwas Obers dunkelbraun gefärbt. Und im Franziskaner ist halt sehr viel mehr Obers. Und was Sie in Deutschland Cappuccino nennen, ist bei uns die Wiener Melange.”

Dem Fremden fiel, auf dass der Herr am Nebentisch den Kaffee französisch aussprach, mit langer Dehnung auf dem e.

„Aha. Und der Capo ist dann wohl ein großer Cappuccino.”

“Nein, das ist ein Schwarzer mit Milch, dunkelbraun in kleiner Schale.

“Ah, die berühmte Schale Braun?”

“Nein, das wäre ein Schwarzer mit Obers, schon mehr dunkelgoldbraun. Es kommt auf die Nuancen an. Die Schale Gold ist schon etwas heller, mittelgoldbraun.”

“Und wenn ich einfach einen Milchkaffee bestelle?”

“Dann bekommen Sie ihn, und zwar in der Teeschale.”

“Kaffee in der Teeschale?”

“Die größte der drei Maßeinheiten. Die Kleinste ist die Nuss oder Nussschale, die Sie als Mokkatasse kennen, gefolgt vom Pikkolo, etwa anderthalb Nussschalen groß, und dann kommt die Teeschale. Sie können aber auch ein Separee bestellen.”

Irritiert blickte der Fremde in die Runde. Das Café sah nicht nach sündigem Nachtleben aus.

“Separee oder Portion heißt, Sie bekommen Kaffee und Obers in getrennten Kännchen. Wenn Sie es gemischt haben wollen, ist es wichtig, dass Sie die Helligkeitsstufen genau präzisieren, das geht bis zum Kaffee verkehrt. Da bekommen Sie drei Viertel Milch und ein Viertel Kaffee in der Schale serviert.”

“Heller geht’s dann nicht mehr?” Der Fremde ließ den Zucker im Schaum versinken und rührte in seiner Melange, die für ihn immer noch ein Cappuccino war.

„Aber ja doch. Wenn Sie es noch heller haben wollen, verlangen Sie Obers g’spritzt. Dann bekommen Sie neun Zehntel Milch und ein Zehntel Kaffee mit etwas Obers oder Sahne, wie Sie sagen, und wenn nur noch eine Spur von Kaffee in der Milch sein soll, bestellen Sie eine Teeschale Obers.“

„Und wo liegt in dieser Skala der Kaffee Creme?“

„Das ist wieder etwas ganz anderes: ein Mokka im Kännchen, mit einem kleinen Kännchen Obers separat.“

„Ah, Mokka! Da erkennt man den arabisch-türkischen Ursprung.“ Der Fremde versuchte, seine Unwissenheit mit ein paar angelesenen Fakten zu kaschieren. Aber der Mann am Nebentisch kannte keine Gnade.

„Schon recht. Aber ein Türkischer, das ist wieder etwas ganz anderes.“ „Türkischen gibt es auch in Wien?“

„Aber ja, seit über dreihundert Jahren. Er ist sehr bekömmlich. Da wird sehr fein gemahlenes Kaffeepulver aus der türkischen Kaffeemühle im Messing- oder Kupferkännchen mit Zucker aufgekocht und nach einmaligem Umrühren und 3maligem kurzem Aufwallen serviert. Sie können ihn auch als Türkischer passiert” bestellen. Da wird der Kaffee vorher abgeseiht.“

„Aber wenn der Mokka kein Türkischer ist, was ist er dann?” „Genau genommen ist er ein Italienischer, denn er kommt aus der Espressomaschine.

Sie müssen natürlich genau sagen, wie Sie Ihren Mokka haben wollen, ob als Mokka mit Milch, Mokka mit Obers oder als Doppelmokka. Und schließlich gibt es ja auch noch den Mokka g’spritzt.“ „Aufgehellt?”

„Angereichert. Das ist ein Mokka mit einem Schuss Cognac oder Rum.” „Ich trinke Cognac nie aus Tassen.”

„Müssen Sie auch nicht. Nehmen Sie doch einen Fiaker.”

„Was ist das nun schon wieder?” „Ein Einspänner, aber mit einem Schuss Kirschwasser.”

„Und was ist ein Einspänner?”

„Ein Schwarzer, mehr als halbhoch im dicken Kelchglas serviert, mit Schlagobers aufgefüllt. Sie können ihn aber auch als Lauf bestellen.“ „Lauf?”

„Das ist Kaffee mit Schlag im Glas.”

„Mit Schlag ist aber nicht mit Schuss, oder?”

„Nein, mit Schlag ist absolut bleifrei. Wenn Sie sich an Kaffee berauschen wollen, sollten Sie mit einem Kaffee Kirsch beginnen. Das ist ein Schwarzer mit einem Glas Kirschwasser. Zu empfehlen ist auch der Mangiloman. ein Mokka mit Cognac, oder der Mazagran, eine Art Longdrink. Ein kleiner Mokka, kalt muss er sein und stark gesüßt. Er wird mit Rum, gestoßenen Eiswürfeln und Strohhalm im Glas serviert.”

„Ich mag Kaffee lieber heiß.” „Dann rate ich Ihnen zum Brulant. Etwas für Brandstifter: ein fingerbreit Weinbrand, mit Würfelzucker in einer vorgewärmten Tasse angezündet, mit heißem Kaffee gelöscht und einer Haube von Schlagobers gekrönt.”

„Ist das schon alles?” fragt der Fremde genervt.

„Wo denken Sie hin! Was fehlt, ist zum Beispiel der Maria-Theresia.”

„Der Maria-Theresia?” fragte der Fremde ungläubig.

„Ja freilich, Sie gehen ja auch in das „Mozart.“

„Sie haben recht.” Der Fremde kapituliert. „Und was ist ein Maria-Theresia?”

„Mokka mit Orangenlikör.“ „Entschuldigen Sie”, unterbrach der Fremde, „woher wissen Sie das alles?“ „Ach, ich arbeite an einer Enzyklopädie der Wiener Kaffeesorten.“ „Haben Sie die alle im Laptop?” „Wo denken Sie hin, die kriegen Sie auf keine Festplatte mehr. Da gibt es zum Beispiel…”

„Ich möchte Sie gern einladen. Ich hab’ so viel von Ihnen erfahren. „Der Fremde winkte dem Ober. „Was darf ich Ihnen bestellen?”

„Ich hätte gern ein Cola“, sagte der Mann am Nebentisch.