Der Kellnerlehrling

nach Johann Wolfgang Goethe’s “Der Zauberlehrling”

Hat der alte Oberkellner
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Gäste
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
merkt ich und den Schmäh,
und mit Geistesstärke
brau nun ich Kaffee.

Braue! braue,
manche Bohne,
daß zum Lohne,
Mokka fließe
und der reiche, volle Braune
in die Tasse sich ergieße.

Und nun kommt, all ihr Gäste!
Nehme Tassen und die Teller;
Kredenzen werde ich nur das Beste;
Erfülle Wünsche schnell und schneller!
Ich, auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit den Tassen und dem Topf!

Braue! braue,
manche Bohne,
daß zum Lohne,
Mokka fließe
und der reiche, volle Braune
in die Tasse sich ergieße.

Seht, er läuft in die Tasse;
Wahrlich! in die Schale weiß,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er drin, schwarz und heiß.
Ein zweiter Gast!
Wie das Geschäft sich hebt!
Ohne Rast
Das Café – es lebt!

Stehe! stehe!
Denn ich habe
doch die Gabe
unterschätzt! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Nicht der Ober wird vom Lehrling voll ersetzt!

Ach, die Technik, mit der am Ende
Der Hr. Ober alles hat im Griff.
Ach, bin doch nicht so behände!
Wär ich nur wie er so wiff!
Noch ein neuer Gast
jedes Mal wenn ich zur Türe seh’,
Ach! mit welcher Hast
Stürmen sie’s Café.

Nein, nicht länger
kann’s nicht seh’n;
Will partout bestehn.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O du Ausgeburt der Menge!

Wollt ihr mich erdrücken?
Seh ich über jede Schwelle
doch der Strom hat keine Lücken.
Das ist so gemein,
bin verhermt!
Am liebsten ging ich heim,
hab’s wohl doch noch nicht erlernt!

Wollt am Ende
ihr mich brechen?
Noch mehr zechen?
Werd’ mich halten
und mit Wiener Schmäh behände
Speis und Trank verwalten.

Seht, da kommen noch mehr müde Krieger!
Nach mir suchen –
setzt, o Kobolde, euch nieder!
– lechzen nach Kaffee und Kuchen.
Bestellung aufgenommen!
Schnell zur Schank,
halb benommen,
jetzt ans Werk Gott sie Dank!

Wehe! wehe!
Wie ich die Maschine
in der Eile wohl bediene?
Völlig fertig ohne Plan
Hab’s vergessen
Helft mir, ach! Was habe ich getan?

Der Kaffee läuft über krass und krasser
die Milch ist angebrannt
welch entsetzliches Desaster!
Erneut! Die Gäste kommen angerannt!
Da in der Ferne!
Hr. Ober – ruhig und stoisch.
Sah ihn nie so gerne,
übernimmt heroisch.

Berichtigt und beschwichtigt,
serviert, kassiert und delegiert.
Gewann die Oberhand
als alles außer Rand und Band!
Um zu bestehen mit Bravour –
muss ich mich halten an den alten Ober nur!

Wann ist es genug

Seit der Mensch ist auf die Welt gestiegen,
lebt er, nicht einfach, nicht gediegen,
will zwar im Schoße der Natur sich wiegen,
will aber bis zur Sonne fliegen,
will Zeit und Raum gar biegen,
will die Ebbe und die Flut besiegen,
will vor allen ander’n an der Spitze liegen,
hat der Mensch denn nie genug vom “Kriegen”?

Freiheit

Sie ist wie ein neu geboren Kind,
ungebunden, wie der Wind,

der weht durch’s Haar und ins Gesicht,
ohne Zwang, einfach, schlicht,

für sich allein und souverän,
den eig’nen Weg zu geh’n,

für sich selbst den Mann zu steh’n,
sich nicht nach fremden Fahnen dreh’n,

selbst im kleinsten Kreise,
anzutreten seine Lebensreise,

in der Obhut derer die du gerne hast,
autonom und ohne Last,

so will ich sie sehen,
so will ich sie verstehen,

doch die Gesellschaft, unsichtbarer Mächte,
gibt Pflichten dir und Rechte,

setzen dich in einen Rahmen,
gibt Nummer dir und einen Namen,

jeder Deiner mühsam’ Schritte,
wird verfolgt durch aufmerksame Dritte.

Nicht nur der Vogel der am Himmel schwebt,
sogar der Frosch, der im Teiche lebt,

in dem er allen Mitbewohnern gleich,
frei ist, im eig’nen kleinen Reich.

Die Kraft der Ruhe

Es ist so ruhig, es ist so still,
daß ich die Wolken ziehen hören will,

hoch oben zwischen Kiefern, Latschen, Föhren,
nur der Wind ich kann ihn säuseln hören,

hab’ unter Frust und Streß gelitten,
schau’ apathisch rein in’s Tal das in den Berg geschnitten,

von des Berges Gipfel rein und karg,
der Frust, der Streß … sie waren arg,

muß endlich Frieden finden,
mich mit der Natur verbinden,

die Nacht sie dämmert, das Licht wird schal,
der Schnee fällt leise in das tiefe Tal,

der Schnee fällt auf’s Gebirg’ hernieder,
ich atme tief und ruhig – immer, immer wieder,

die Ruhe die ich so begehrt,
hat sich in meinem Innersten bewährt,

sie ist von einer Kraft,
die nicht von Menschen Hand geschafft.

Bitterer Lohn

Eine Firma wird verwaltet und erhalten,
von Menschen, jungen und auch alten,

doch jede einzelne Person,
was zählt die für die Firma schon?

So wollen wir ‘nen Mann besehen,
und was mit ihm geschehen;

täglich er zur Arbeit geht,
sein Handwerk wohl versteht,

war immer pünktlich, kam nie zu spät,
hat jeden morgen Freundlichkeit gesät,

in langer Jahre Arbeit war er niemals krank,
nur selten er ein Gläschen trank,

eifrig ist er da gesessen,
hat nicht geraucht und nicht gegessen,

er hatte nicht das “Sagen”,
doch die Verantwortung getragen,

von hoher Stelle das Vertrau’n genossen,
hat der Vorstand nun beschlossen,

er muß geh’n,
er wird es schon versteh’n.

Gesenkten Hauptes tief gebückt,
ein letztes mal den Stuhl zum Tisch er rückt,

sagt kein Wort und keinen Ton,
ist gramgebeugt wen kümmert’s schon,

steht sich nicht ein, daß er verzagt,
hat einen Advokat befragt,

niemand läßt sich gern verjagen.
Ist er zu teuer, soll er klagen?

Muß die Folgen er alleine tragen?
Stellt sich Fragen über Fragen.

Die Firma hat ihn hintergangen,
will er sie belangen?

Was ist zu erwarten,
die Firma hat die bess’ren Karten,

betteln um einen neuen Posten,
erneut die Schmach verkosten?

Man wird ihm nicht verzeih’n,
läßt abermals ihm Schande angedeih’n,

wie wird enden die Geschicht’,
wird er verlieren sein Gesicht?

Eigentlich ist’s klar,
weil er vom Chef kein Freunderl war,

weil er nicht gekrochen,
haben sie mit ihm gebrochen,

weil er nicht mitgeschwommen,
hat Abschied man genommen.

Schoko-Bal-lade

Einst gegossen in die Form,
die Zeit erhob’s zur gült’gen Norm,

früh’rer Tage von einem Mönch entdeckt’,
was jedermann auch gegenwärtig schmeckt.

Ob dem noblen Herr’, ob dem kleinen Kind,
ein Stücklein Schokolade, ganz geschwind,

niemand hat etwas dagegen,
welch ein Segen.

Auch die Damen, an Gewicht schon überschüßig,
werden ihrer niemals überdrüßig.

Was wäre Ostern oder Weihnacht’,
wenn niemand Schokolade hätt’ gebracht,

was schenkt ein Kavallier dem Mäd’l,
zerbricht sich kaum den Schädl,

zum Geburtstag und diversen Jubiläen,
werden Schokoladen schnell mit bunten Maschen noch versehen.

Raucher die dies Laster aufgegeben,
haben’s schwer im weit’ren Leben,

suchen nach Ersatz, und in ihrem streben,
sind so der Schokolade tief ergeben.

Ist das Leben voller Frust,
drückt es gar auf Bauch und Brust,

es wird gesucht nach heilender Arznei,
wobei die Schokolade sicher ist dabei.

Auf jeden Fall ist ein’s bestimmt,
von klein auf werden wir getrimmt,

überreichst du irgend jemand Gaben,
soll der sich d’ran laben.

Also wo ist das Problem,
nichts ist so bequem,

schenk’ einfache eine Bonbonniere,
die gereicht auf jeden Fall dir Ehre,

daß du daran gedacht
und etwas Süßes mitgebracht.

Damen sind doch ständig drauf erpicht,
ob ideal noch das Gewicht.

Warum also Schokolade schenken,
wenn sie sogleich den Blick zur Hüfte senken,

Kann man denn nichts and’res schenken,
einfach einmal praktisch denken?

Außer Blumen und Bonbons,
und außer roten Luftballons,

ergibt sich eine ganze Liste,
beginnt mit einer hölz’nen Werkzeugkiste,

geht bis zur Angelrute,
oder einer tiefgekühlten Pute,

vielleicht ein Taschenmesser,
oder noch viel besser,

einen Thermometer oder Lexikon,
für das Abwaschbecken den Syphon?

Doch bei den meisten kommen Zweifel auf,
legen noch was triviales drauf,

damit es nicht zu wenig oder gar zu klein,
füllt man noch etwas hinein,

man will sich ja nicht lumpen lassen,
es muß doch etwas geben, es muß doch etwas passen?

Vielleicht ein schöner ird’ner Tiegel,
angefüllt mit ein paar – Schokoriegel?

Herbst

Der Tag ist kurz, schräg das Licht,
das in der frühen Dämm’rung bricht,

und ockergelb die Luft erfüllt,
die den kunterbunten Wald umhüllt,

ob doch klar in die Fern’ die Sicht,
das Waldes Tiere Fell wird dicht,

die kleinen Nager sich mit Nüß’ beladen,
der Nebel zieht herum in Schwaden,

Zum Schluß verbleiben Zweige nackt,
das färbig’ Laub das hat der Wind gepackt,

wie einen Teppich auf den Boden ausgebreitet,
als hätt’ er ihn für’n Winter schon bereitet,

den bald wird aus feuchtem kalten Nieseln,
ein stilles weißes Rieseln.

Der Kochlehrling

nach Johann Wolfgang Goethe’s “Der Zauberlehrling”

Hat der alte Küchenchef
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Töpf’
auch nach meinem Willen leben.
Seine Kräuter und Gewürze
merkt ich und den Brauch,
auf die Töpfe ich mich stürze
koche ich jetzt auch.

Koche! koche
manch’ Gericht,
wird ein Gedicht,
weil Soßen fließen
Reich und voll mit Geschmack
über’n Braten sich ergießen.

Und nun kommt ihr alten Pfannen!
Ihr seid gut beraten;
samt den löchrig’ Wannen;
heiß zu kochen und zu braten!
Auf dem Ofen stehe,
unter dir die Flamme,
hoch ich sie drehe,
werde heiß oh Pfanne!

Koche! koche
manch’ Gericht,
wird ein Gedicht,
weil Soßen fließen
Reich und voll mit Geschmack
über’n Braten sich ergießen.

Seht, wie es schon blubbert;
Wahrlich! sind heiß im Nu, die Soßen,
und wie gut sie schnuppert.
Rasch mit Suppe aufgegossen,
kocht zum 2ten Mal sogleich!
Wie die Soße schwillt!
Cremig, sämig, weich
doch herrje, sie überquillt!

Stop, stop, stop
den sonst ist
die Soße Mist,
Halt bevor sie stockt!
Ach ich merk’ es! Wehe! Wehe!
Hab’s verbockt!

Ach, die Finesse, worauf am Ende
sie das wird was sie auch soll,
rühre ich behände!
Fühle ärger, hege Groll,
und einen neuen Guss
von der Suppe schütt’ ich drüber!
Mich rettet nur ein Musenkuss.
Erneut sie brodelt über!

Verrucht ist dies Gericht!
Weiß nicht, worauf es pocht,
worauf ist es erpicht?
Ich bin der der kocht!

Willst am Ende
du mich brechen?
Willst dich rächen,
willst mich biegen,
weil ich dich zubereite?
Niemals wirst du mich besiegen.

Seht, da köchelts wieder,
läuft in jede Ritze.
Gleich du Masse gehst du nieder
entziehe dir die Hitze!
So, Einhalt ist geboten,
beginnt sie zu erkalten.
Vorbei sind die Marotten,
kann endlich meines Amtes walten.

Wehe! Wehe!
Kurz war er, der Frieden
rundum alle Töpfe sieden,
garen immer dreister!
Hilfe ich erflehe –
hilf mir doch oh Küchenmeister!

Und es brodelt heiß und heißer,
schwarz geröstet ist der Zwiebel,
mein Gesicht wird immer weißer!
Schmeiß den Braten in den Kübel,
weil, oh Jammer, er verkohlt
und meine Soße nur noch Kleister!
Hab das nicht gewollt –
wo bleibt nur der Meister!

“Es ist alles meine Schuld”!
“Rauf dir nicht die Haare
dauert es doch Jahre
Zug um Zug, wie beim Schach”
– er mich tröstet – “Hab Geduld
es wirst auch du ein Meister in deinem Fach”

Der Seidelkönig

nach Johann Wolfgang Goethe’s “Der Erlkönig”

Wer werkt so spät im Restaurant Schinakl?
Es ist der Willi, der Lackl;
Er hält sein Seiderl wohl in der Hand,
Es ist kalt und voll bis and den Rand.

“Mein Seiderl, frisch gezapft, das ist Pflicht!”
“Siehst, Willi, du die Gäste nicht?
Die Gäste hektisch und in Eile?”
“Halt aus, mein Seiderl, für eine kurze Weile!”

“Du lieber Willi, schnell, es sei der Gast bedient
so sei auch das Seiderl wohl verdient;
Bedenke das meines Schaumes Krone nicht ewig hält,
Eile, denn meines Hauptes Pracht schon bald zerfällt!

“Mein Willi, mein Willi und eilst du nicht –
mein Antlitz vollends zerbricht!”
“Sei ruhig, bleibe ruhig mein kühles Getränk,
den hungrigen Gästen ich meine Achtung schenk!”

“Willst feiner Knabe du mich genießen?
Derweil die Perlen noch nach oben schießen?
Derweil meine Frische dir noch gewogen?
Das zu versprechen wäre gelogen!”

“Mein Willi, neue Gäste – ich halte die Wette –
werden kommen in diese gastliche Stätte!”
“Mein Seiderl, mein Seiderl, halt still!
Du weißt, daß wahrlich ich dich trinken will!”

“Ich liebe dich, mich reizt deine runde Gestalt;
und bist du nicht kühl, in den Gully dich spül.”
“Mein Will, mein Willi, du hast dich verschätzt,
nimm mich doch endlich, nimm mich doch jetzt!”

Den Willi erbarmt’s, blitzeschnelle,
stürtzt er sich auf’s ächzende Helle,
erreicht die Schank und nimmts in den Arm,
führt es zum Mund – doch s’Seiderl ist warm.